Studiensysteme im deutsch- und englischsprachigen Raum: ein kurzer Überblick
2007-04-14
Seit einigen Jahren ist das österreichische Universitätssystem im Umbruch: die Universitäten werden in eine (eingeschränkte) Selbständigkeit entlassen und ändern auf mehr oder weniger chaotische Weise ihre internen Strukturen; gleichzeitig wird das jahrzehntelang gewohnte Studiensystem geändert und eine Reihe von neuen, angeblich ›internationaleren‹ Studienprogrammen entsteht. Natürlich soll alles besser werden, und vor allem die angeblich veralteten und international wenig bekannten Diplomstudien sollen im Zuge der Umsetzung des Bologna-Prozesses in das moderne und international vergleichbare System der Bachelors und Masters umgewandelt werden. Vorbild soll dabei vor allem das System der englischsprachigen Welt sein.
Bei aller guten Absicht wird hier viel Verwirrung gestiftet: zum einen herrscht die Vorstellung, es gäbe ein klares, einheitliches, wohlvergleichbares Studiensystem in den USA, Großbritannien und anderen anglophonen Ländern – und nur wir Österreicher stechen aus dieser Ordnung mit unserem seltsamen Diplomstudium heraus. Zum anderen glaubt man in Österreich offenbar noch immer, allein die Umbenennung der Abschlüsse von ›Magister‹ auf ›Master‹ und ›erste Diplomprüfung‹ auf ›Bachelor‹ führt plötzlich zu internationaler Anerkennung und Erfolg. Beides ist zu bezweifeln.
Im Folgenden sollen daher kurz die wichtigsten akademischen Etappen in Österreich, Deutschland, Großbritannien und den USA verglichen werden. Generell gilt dass viele ehemalige britische Kolonien (z.B. Australien) ein ähnliches System wie das ehemalige Mutterland haben.
Die akademischen Etappen
Im europäischen Bologna-Prozess wurden drei Zyklen der postsekundären Bildung sehr grob anhand ihres Arbeitsaufwands und der Soll-Qualifikationen definiert. Diese Definition ist nicht nur unverbindlich (wie alle Resultate des Bologna-Prozesses), sie lässt auch große Spielräume offen. Im Gegensatz zu einer verbreiteten Meinung sagt sie auch nicht aus, wie die Abschlüsse zu benennen sind.
Hochschulabschlüsse vor dem 1. Zyklus
In Österreich gibt es keine echten Hochschulabschlüsse unter dem Bakkalaureat. Am ehesten damit vergleichbar sind die Berufsbildenden Höheren Schulen (HTL, HAK) und einige ›Lehrgänge universitären Charakters‹.
In Großbritannien gibt es auf dieser Stufe das Certificate bzw. Diploma of Higher Education und die relativ neuen Foundation Degrees.
In den USA gibt es Associate’s Degrees, die üblicherweise 2 Jahre nach Schulabschluss dauern. Sie können auch an Community Colleges erworben werden, die ungefähr eine Mischung aus Volkshochschule und Fachhochschule darstellen.
Der 1. Zyklus: Bachelor/Bakkalaureat
Die Bergen-Deklaration gibt für den ersten Zyklus einen Rahmen von 180–240 ECTS-Credits vor; dieser Rahmen wird in den meisten europäischen Ländern auf 3 Jahre Vollzeit-Studium umgesetzt.
Das österreichische Bakkalaureat (seit 2006: Bachelorstudium) ist von Anfang an fachlich spezialisiert, wobei es aber in den Geisteswissenschaften meistens einen großen Anteil von freien Wahlfächern gibt. Fast alle Bachelorstudien sind auf 3 Jahre nach Schulabschluss ausgelegt. Ähnliches ist in Deutschland und der Schweiz zu beobachten.
In Großbritannien sind für den Bachelor 3 Jahre vorgesehen, es gibt allerdings auch vierjährige Programme, die mit einem Bachelor (Honours) abschließen und damit den österreichischen Diplomstudien nahekommen. Die Programme sind, wie in Österreich, fachlich spezialisiert.
In den USA dauert das Bachelor’s Degree üblicherweise 4 Jahre (oder 2 Jahre nach Abschluss eines Associate’s Degree). Von dieser Studienzeit sind die ersten 1–2 Jahre für allgemeinbildende Fächer vorgesehen, erst danach konzentriert sich der Student auf ein Hauptfach (major) und eventuelle Nebenfächer (minors). In der US-Tradition übernimmt das ›College‹ somit einen Teil der Aufgaben, die im deutschen Sprachraum dem Gymnasium zugerechnet werden.
Zwischen 1. und 2. Zyklus
In Österreich gibt es auf diesem Niveau keine klar definierte Studienform, manche Universitätslehrgänge könnten aber hier eingerechnet werden.
In Großbritannien gibt es als Zwischenstufe zum Master die Postgraduate Certificates bzw. Diplomas mit typischer Studiendauer von neun Monaten. Oft handelt es sich dabei um Kurzformen von Master-Studien, die etwas weniger Kurse umfassen oder keine Abschlussarbeit erfordern.
Der 2. Zyklus: Master, Magister & Co.
Die Bergen-Deklaration gibt für diesen zweiten, postgradualen Zyklus 60–120 ECTS-Credits vor, dies entspricht meistens einer Studienzeit von 1–2 Jahren.
Während das Studienangebot bis zum 1. Zyklus noch einigermaßen durchschaubar bleibt, wird es auf dieser Stufe international höchst chaotisch. Besonders in Europa herrscht derzeit eine babylonische Verwirrung von akademischen Graden. Das hat einige Gründe: viele Länder stellen ihre Studiensysteme um und haben somit noch Doppelgleisigkeiten, private Anbieter florieren, und auch die staatlichen Universitäten entdecken das ›lebenslange Lernen‹ als Hoffnungsmarkt und bieten neue Studienformen zur Weiterbildung an. Dass die Einführung von Bachelor- und Mastergraden zu besserer Vergleichbarkeit oder gar höherer Qualität führt, ist kaum zu beobachten: hinter dem selben Master-Grad können sich je nach Universität und Land völlig verschiedene Ausbildungen verstecken, andererseits werden für ähnliche Studien ganz verschiedene Grade vergeben. Gerade diese Tatsache führt im deutschen Sprachraum zu viel Unsicherheit. So wird nach wie vor erwartet, dass ein bestimmter Grad (z. B. Master of Arts) auf eine bestimmte Art und Qualität von Studium hinweist, und es wird verzweifelt nach direkten Äquivalenzen zwischen alten und neuen Abschlüssen gesucht (›Ist mein Magister jetzt ein Master of Science oder ein Master of Arts?‹).
Das traditionelle Studiensystem in Deutschland, Österreich und der Schweiz führt in 4–5 Jahren nach Schulabschluss direkt zu einem Diplom- oder Magistergrad. In Österreich werden diese Studien generell als Diplomstudien bezeichnet, der akademische Grad ist der Magister oder der Diplomingenieur (in technischen Studienrichtungen). In Deutschland ist das System etwas komplizierter, weil die Hochschulbildung unter Länderhoheit fällt; als akademische Grade gibt es dort die diversen Diplome (Diplominformatiker, Diplomvolkswirt, etc.) sowie den Magister. Die Studien sind in 2–3 Abschnitte unterteilt, für die aber keine akademischen Grade verliehen werden. Meistens sind Übungsblöcke und danach große Teilprüfungen abzulegen; es ist eine Abschlussarbeit (Diplom/Magisterarbeit) zu schreiben.
Die neuen österreichischen Magisterstudien führten in 1–2 Jahren nach dem Bakkalaureat zu den gewohnten Graden Magister bzw. Diplomingenieur. Offenbar erschien das dem Gesetzgeber doch nicht ›international‹ genug, und so wurden 2006 durch eine Gesetzesnovelle doch die englischsprachigen Bezeichnungen vorgegeben. Mit einer Ausnahme: der Diplomingenieur darf bleiben. Für fortgesetzte Verwirrung ist somit gesorgt.
Die anfangs eingeführten Magister- bzw. Masterstudien sind relativ stark an die jeweiligen Bakkalaureate gekoppelt und sollen der wissenschaftlichen Vertiefung dienen – es entsteht damit oft der Eindruck, dass einfach die alten Studienabschnitte in separate Studien umgetauft wurden. Große Teilprüfungen sind jetzt unüblich, der Trend geht zu kleinen Modulen: Einheiten von 4 Stunden, oft ein Übungs- und ein Vorlesungsteil, die separat beurteilt werden. Abschlussarbeiten sind wie gehabt zu schreiben.
Seit kurzer Zeit gibt es auch nicht-konsekutive Master-Programme, die nicht an bestimmte Bakkalaureate gekoppelt sind und damit den Einstieg aus fachfremden Vorstudien erlauben. Viele dieser Programme richten sich an Berufstätige, die schon vor einiger Zeit ein Studium abgeschlossen haben; für die meisten MBA-Studien wird jedoch auch Arbeitserfahrung statt eines universitären Abschlusses akzeptiert.
Das übliche Master-Programm in Großbritannien dauert ein Kalenderjahr und ist kaum an ein bestimmtes Vorstudium gekoppelt, der Einstieg mit fachfremden Bachelor-Abschlüssen ist daher oft möglich (eventuell nach Absolvierung von Vorbereitungskursen). Generell sind forschungsorientierte Programme (›masters by research‹) und ausbildungsorientierte Programme (›taught masters‹) zu unterscheiden, viele Studien sind Mischformen zwischen diesen Extremen.
Die gängigsten Grade sind der Master of Arts (MA) und der Master of Science (MSc); daneben hat sich aber noch eine große Zahl an anderen Master-Graden entwickelt. Zur besonderen Verwirrung heißen die ersten geisteswissenschaftlichen Abschlüsse auf den alten schottischen Universitäten Master of Arts, obwohl sie nur auf Bachelor-Niveau liegen. Umgekehrt gibt es einige als Bachelor bezeichnete Grade, die jedoch postgradual erworben werden und somit tatsächlich einem Master entsprechen: BPhil, BCL, BArch.
Hierzulande offenbar unbemerkt hat sich in Großbritannien in letzter Zeit erfolgreich ein System etabliert, das mit den Diplomstudien des deutschsprachigen Raums vergleichbar ist: die sogenannten Integrated Masters (oder ›Undergraduate Masters‹), die in 4–5 Jahren vom Schulabschluss direkt zum Master führen. Diese Studien sind besonders in Technik und Naturwissenschaften sehr populär geworden, meistens werden dafür spezifische Grade verliehen (z. B. MPhys, MMath, MEng).
In den USA dauern Master’s Degrees meistens 2 Jahre, ansonsten ist das System weitgehend mit dem britischen vergleichbar. Auch in den USA gibt es vereinzelt Programme für Integrated Masters. In manchen Fällen wird dabei auch noch als formale Zwischenstufe (oder als Trostpflaster für Abbrecher) der Bachelor verliehen, das Studienprogramm ist aber als ein durchgehender Weg bis zum Master gedacht.
Zwischen 2. und 3. Zyklus
In Österreich, Deutschland und der Schweiz gibt es auf dieser Stufe keine klassische Studienform, es wären hier am ehesten einige MBA- sowie LL.M.-Programme anzusiedeln. Im Gegensatz dazu gab es in Osteuropa auf dieser Stufe einige lang etablierte Studien, etwa das ›kleine Doktorat‹ der Tschechischen Republik oder den ›Magistar‹ in Ex-Jugoslawien.
In Großbritannien könnte man den Master of Philosophy hier einordnen: dieser Grad gilt als Vorstufe des Doktorats und erfordert deutlich mehr Aufwand als ein klassisches Masterstudium.
Auch in den USA gibt es nach dem Master weiterführende Grade, die keine Doktorgrade sind, etwa das Engineer’s Degree (angeboten z. B. vom MIT und Stanford) sowie den LL.M.
Der 3. Zyklus: Doktorat
Es sind Forschungsdoktorate und ›professionelle Doktorate‹ zu unterscheiden. Forschungsdoktorate (wissenschaftliche Doktorate) setzen auf einem abgeschlossenen Vorstudium auf, sie sollen Wissenschaftler heranbilden und gleichzeitig neue Forschungsresultate liefern. In der Bergen-Deklaration wird bewusst kein ECTS-Rahmen angegeben, die nominelle Studienzeit für Forschungsdoktorate bewegt sich in Europa in einem Bereich von etwa 2–4 Jahren.
Der Weg zu
so einem Doktorat besteht in erster Linie aus der Arbeit an einer
Dissertation zu einem speziellen Thema. Lehrveranstaltungen sind meistens nur in relativ
geringem Umfang zu absolvieren. Die Struktur der Doktoratsprogramme variiert aber stark: muss man
an einigen Universitäten gar keine verpflichtenden Lehrveranstaltungen belegen, wird
an anderen die Absolvierung eines Kursprogramms verlangt, bevor überhaupt mit
der Dissertation begonnen werden darf. In Österreich wird für den Einstieg generell ein
Abschluss auf Masterniveau verlangt, in den USA und Großbritannien
reicht – je nach Studienrichtung und Universität – oft der
Bachelor.
Im englischsprachigen Raum ist der gängigste
wissenschaftliche Doktorgrad der PhD (manchmal auch als DPhil geschrieben). Zusätzlich gibt es in Großbritannien die
sogenannten ›höheren Doktorate‹, die für mehrjährige
Forschungsleistungen nach dem ersten Doktorat vergeben werden können,
etwa den DSc.
›Professionelle Doktorate‹ sind typischerweise Doktorgrade, die in manchen Wissenschaften direkt für eine abgeschlossene Fachausbildung verliehen werden (z. B. Dr. med. univ. in Österreich, M.D. und J.D. in den USA) und damit eigentlich dem 2. Zyklus zuzurechnen sind.
Eine andere Variante ›professioneller‹ Doktorate sind praxisorientierte Doktoratsstudien, die ein besonders hohes Niveau fachlicher Ausbildung bieten sollen. Im Gegensatz zum Forschungsdoktorat wird hier vom Kandidaten nicht ein neuer Beitrag zur wissenschaftlichen Forschung, sondern zur fachlichen Praxis verlangt (eine Unterscheidung, die nicht immer leicht zu treffen ist). Beispiele sind der EngD, DBA und EdD; auch ein generischer Grad DProf bzw. ProfD existiert mittlerweile.
Fazit
Die Studiensysteme in der anglophonen Welt sind durchaus vielfältig und folgen nur sehr grob dem dreistufigen System Bachelor-Master-Doktor. Das in Österreich seit wenigen Jahren eingeführte Bologna-System ähnelt dabei am ehesten der britischen, nicht der US-amerikanischen Variante. Trotz Bologna-Umstellung sind die heimischen Diplomstudien keineswegs exotisch und veraltet, wie sich am relativ jungen Trend zum ›Integrated Master‹ zeigt.
Gegen eine bessere europaweite Vergleichbarkeit der Studienabschlüsse ist nichts zu sagen. Allerdings zeigt sich, dass eine perfekte Vereinheitlichung auf drei exakt definierte Zyklen kaum möglich und vielleicht auch gar nicht wünschenswert ist – anscheinend hat man das mittlerweile auch im Bologna-Prozess eingesehen. Die Unzahl an verschiedenen Abschlüssen mit ähnlichen Bezeichnungen sollte auch klar machen, dass die bloße Umbenennung von Magister auf Master gar nichts bringt. Fragen wie ›Ist ein Master mehr oder weniger wert als ein Diplomingenieur?‹ sind kaum zu beantworten; die Suche nach eindeutigen, allumfassenden, allgemeingültigen Äquivalenzbestimmungen zwischen verschiedenen akademischen Graden ist aussichtslos und wird es wohl bleiben.
Wer in Zukunft ein weiterführendes Studium absolvieren möchte, wird sich daran gewöhnen müssen, dass nicht der Name des akademischen Grades zählt, sondern die Hochschule sowie die absolvierten Studienzeiten und -inhalte.
Links
- anabin: Informationssystem zur Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse, http://www.anabin.de.
- Austrian-American Educational Commission (Fulbright Commission), Kurzinformation zum Studium in den USA.
- M. Assefa und R. Sedgwick, The Bologna Bachelor’s Degree: An Overview, World Education News & Reviews, 2004-01.
- M. Assefa und R. Sedgwick, Evaluating the Bologna Degree in the U.S., World Education News & Reviews, 2004-03/04.
- M. G. Ash, "...just the facts, man": Die geplante Studiengesetznovelle aus der Sicht eines Amerikaners in Wien, Der Standard, 1999-05-14.
- G. Haug und C. Tauch, Trends in Learning Structures in Higher Education (II), 2001-04.
- Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder der Bundesrepublik Deutschland, 10 Thesen zur Bachelor- und Masterstruktur in Deutschland, 2003-06-12.
